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Das Gesetz der automatischen Softwareaktualisierung kurz vor dem Urlaub

Notizen aus dem Arbeitszimmer von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke

Es war am Abend vor meiner Abreise, ungefähr gegen 22.17 Uhr, als mein tragbarer Rechner mir mitteilte, dass er für den kommenden Morgen eigene Pläne habe. Ich hatte ihn lediglich noch einmal eingeschaltet, um die Reiseunterlagen auszudrucken, die Fahrkarten abzuspeichern und vorsichtshalber jene Buchungsbestätigung zu suchen, von der ich sicher gewesen war, sie bereits vorsichtshalber abgespeichert zu haben.

Der Rechner begrüßte mich freundlich, fast fürsorglich. Eine wichtige Aktualisierung stehe bereit, erklärte er. Ob ich sie jetzt installieren wolle oder lieber später.

„Später“ ist in der digitalen Welt allerdings kein Zeitpunkt, sondern eine Drohung.

Ich wählte dennoch diese Möglichkeit, denn in wenigen Stunden sollte mein Zug fahren, mein Koffer war noch nicht vollständig gepackt und die Frage, ob drei Paar Socken für fünf Tage wissenschaftlich vertretbar seien, bedurfte einer abschließenden Prüfung. Der Rechner akzeptierte meine Entscheidung, jedenfalls erweckte er diesen Eindruck. Rückblickend muss ich sagen, dass er sich lediglich zurückzog, um seine Kräfte zu sammeln.

Am nächsten Morgen schaltete ich ihn ein.

Auf dem Bildschirm erschien ein beruhigender blauer Hintergrund mit den Worten: „Updates werden verarbeitet. Bitte schalten Sie das Gerät nicht aus.“

Darunter stand: „3 Prozent“.

Ich habe in meinem Leben auf einiges gewartet. Während eines Forschungsaufenthaltes in der südlichen Mongolei wartete ich einmal drei Tage auf einen Bus, der nach Auskunft der örtlichen Behörden bereits am Vortag abgefahren war, allerdings in die falsche Richtung. Auch die Ernennung zum korrespondierenden Ehrenmitglied der Europäischen Gesellschaft für Alltagsverzögerungen ließ ungewöhnlich lange auf sich warten. Dennoch war keine dieser Wartezeiten von einer derart stillen Bedrohlichkeit erfüllt wie jene 3 Prozent auf meinem Bildschirm.

Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass es ein bislang kaum untersuchtes Naturgesetz geben muss: Je näher die Abreise rückt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer automatischen Softwareaktualisierung.

Ich bezeichne es als Schabulkesches Präurlaubs-Aktualisierungsgesetz. Seine einfachste Form lautet:

Die Dauer einer Aktualisierung verhält sich umgekehrt proportional zur verbleibenden Zeit bis zur Abfahrt.

Hat man nichts vor, ist eine Aktualisierung innerhalb weniger Minuten abgeschlossen. Muss man jedoch in 38 Minuten das Haus verlassen, beginnt der Rechner zunächst mit „Vorbereitungen“, anschließend mit „Verarbeitungsschritten“ und schließlich mit einem „Neustart“, der weitere Neustarts gebiert. Dabei bleibt er bevorzugt bei 27, 62 oder 91 Prozent stehen. Warum gerade dort, ist noch Gegenstand internationaler Forschung.

Meine Assistentin, Dr. Karim Hortlak, vertritt die Theorie, dass Computer über eine rudimentäre Form des Zeitgefühls verfügen. Sie erkennen demnach die bevorstehende Reise an geöffneten Buchungsunterlagen, hektischen Mausbewegungen und dem wiederholten Ausruf: „Das darf doch jetzt nicht wahr sein!“ Sobald diese drei Merkmale gleichzeitig auftreten, wird im Betriebssystem ein bislang geheim gehaltener Urlaubsmodus aktiviert.

Dieser dient offenbar nicht dem Reisenden, sondern der charakterlichen Festigung.

Bei 12 Prozent begann ich, mit dem Gerät zu verhandeln. Ich erklärte ihm, dass mir seine Sicherheit wichtig sei, dass ich moderne Technik grundsätzlich schätze und dass wir die Aktualisierung nach meiner Rückkehr in einer ruhigen, beinahe familiären Atmosphäre gemeinsam hätten durchführen können. Der Rechner antwortete nicht. Computer sind in solchen Augenblicken von einer bemerkenswerten professionellen Distanz.

Bei 18 Prozent zog ich bereits in Betracht, die Reise ohne ausgedruckte Unterlagen anzutreten. Das ist heute grundsätzlich möglich, denn alle Fahrkarten befinden sich auch auf dem Smartphone. Dort lag allerdings ebenfalls eine Aktualisierung bereit.

Sie war kleiner, aber nicht minder entschlossen.

Früher, das darf man bei aller Begeisterung für den Fortschritt gelegentlich erwähnen, bestand die Vorbereitung einer Reise hauptsächlich darin, eine Landkarte zu falten, Bargeld einzustecken und einem Nachbarn den Wohnungsschlüssel zu übergeben. Die Landkarte funktionierte ohne Kennwort. Das Bargeld verlangte keine Bestätigung der Identität. Und der Nachbar aktualisierte sich zwar ebenfalls in unregelmäßigen Abständen, tat dies jedoch meist bei Kaffee und Kuchen.

Heute beginnt eine Reise mit einer kleinen Gerätekonferenz. Das Smartphone möchte geladen werden, die Uhr sucht eine Verbindung, das Navigationsgerät lädt neue Straßen herunter und die Fahrkarten-App verlangt ein Kennwort, das man aus Sicherheitsgründen niemals dort notiert hat, wo man es vermuten würde.

Das alles ist keineswegs schlecht. Aktualisierungen schließen Sicherheitslücken, beseitigen Fehler und sorgen dafür, dass unsere Geräte zuverlässig bleiben. Man sollte sie deshalb regelmäßig installieren. Nur besitzen sie offenbar denselben Sinn für einen wirkungsvollen Auftritt wie entfernte Verwandte: Sie erscheinen bevorzugt dann, wenn man gerade gehen möchte.

Bei 46 Prozent hatte ich den Koffer geschlossen. Bei 71 Prozent stand ich im Mantel vor dem Schreibtisch. Bei 93 Prozent entwickelte ich eine bis dahin unbekannte Form spiritueller Gelassenheit. Es gibt einen Punkt, an dem der Mensch erkennt, dass er nicht mehr Herr des Geschehens ist. Manche erreichen ihn in einem Kloster, andere auf hoher See. Ich erreichte ihn vor einem blauen Bildschirm.

Dann geschah das Wunder.

Der Rechner startete neu, begrüßte mich mit einem leicht veränderten Hintergrundbild und erklärte, nun sei alles auf dem neuesten Stand. Die Reiseunterlagen ließen sich öffnen, der Drucker erwachte nach kurzem Zögern, und ich verließ das Haus mit einem Zeitpolster von beinahe vier Minuten.

Im Zug stellte ich fest, dass ich die ausgedruckten Fahrkarten auf dem Schreibtisch hatte liegen lassen.

Zum Glück befanden sie sich auf meinem Smartphone. Die zugehörige App öffnete sich sofort, verlangte jedoch aus Sicherheitsgründen eine erneute Anmeldung.

Seit diesem Morgen rate ich allen Reisenden, wichtige Aktualisierungen einige Tage vor dem Urlaub durchzuführen, Fahrkarten zusätzlich auszudrucken und sämtliche Unterlagen so aufzubewahren, den man sie beim Verlassen der Wohnung tatsächlich mitnimmt. Das klingt übertrieben, ist aber angewandte Reisewissenschaft.

Die moderne Technik spart uns viel Zeit. Sie besteht lediglich darauf, gelegentlich selbst darüber zu entscheiden, wann.

In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke *
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität
Abteilung Rückenwindforschung

P. S.: Dr. Hortlak hat mich inzwischen darauf hingewiesen, dass sich automatische Aktualisierungen zeitlich planen lassen. Ich habe ihr erklärt, dass ein Naturgesetz nicht dadurch widerlegt wird, dass man ihm rechtzeitig aus dem Weg geht.

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Senioren und Technik
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.

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