Von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Es wird gelegentlich behauptet, ältere Menschen hätten Schwierigkeiten mit Smartphones. Das ist natürlich Unsinn. Schwierigkeiten haben ausschließlich die Smartphones.
Ich habe darüber bereits vor Jahren einen Aufsatz verfasst, den ich allerdings nie veröffentlichen konnte, weil mein damaliger Verlag während einer Exkursion auf die Lofoten versehentlich in eine Fischereigenossenschaft eingegliedert wurde. Solche Dinge passieren häufiger, als die Öffentlichkeit ahnt.
Jedenfalls beobachte ich seit geraumer Zeit eine bemerkenswerte Beziehung zwischen Senioren und ihren Telefonen. Es ist keine Liebe. Es ist auch kein Hass. Es ähnelt eher jener Ehe, die nach fünfzig Jahren nur deshalb noch besteht, weil beide vergessen haben, weshalb sie sich ursprünglich gestritten hatten.
Man schimpft morgens auf das Gerät.
Mittags sucht man es verzweifelt.
Abends bedankt man sich beinahe dafür, dass es den Enkel per Video zugeschaltet hat.
Diese emotionale Achterbahnfahrt ist wissenschaftlich bislang kaum untersucht worden. Das liegt vermutlich daran, dass Wissenschaftler ihre Eltern nur an Weihnachten besuchen.
Früher war ein Telefon ein Gegenstand. Es klingelte. Man hob ab. Man sprach. Anschließend stellte man es wieder hin. Fertig.
Heute besitzt ein Smartphone Gefühle.
Es möchte Updates.
Es verlangt Aufmerksamkeit.
Es entscheidet eigenständig, dass jetzt der richtige Zeitpunkt sei, sämtliche Fotos neu zu sortieren oder Passwörter ändern zu lassen.
Und wehe, man ignoriert seine Bedürfnisse.
Dann verschwindet plötzlich die Tastatur.
Oder das WLAN.
Oder der Lautsprecher.
Ich kenne Menschen, die ihrem Smartphone inzwischen höflicher begegnen als ihrem Schwiegersohn.
Dabei fällt mir auf, dass Senioren erstaunlich großzügig sind.
Wenn der Fernseher einmal streikt, wird über Neuanschaffung gesprochen.
Wenn das Smartphone streikt, wird zunächst angenommen, man selbst habe etwas falsch gemacht.
Diese Schuldbereitschaft ist faszinierend.
Niemand käme auf die Idee, sich beim Toaster zu entschuldigen.
“Entschuldige bitte, dass ich Brot in dich hineingelegt habe.”
Beim Smartphone dagegen hört man Sätze wie:
“Ich habe bestimmt wieder irgendwo draufgedrückt.”
Natürlich hat man irgendwo draufgedrückt.
Dafür ist ein Bildschirm schließlich gebaut worden.
Dennoch entsteht sofort das Gefühl persönlicher Verantwortung.
Ich erinnere mich an einen Herrn in Bad Pyrmont, der sein Telefon jeden Morgen mit einem Mikrofasertuch polierte, bevor er die Zeitung las. Er war überzeugt, ein sauberes Display verbessere den Empfang. Ich habe ihm nicht widersprochen. Er war derselbe Mann, der behauptete, sein Dackel könne Regen zwei Tage vorher riechen. Und ehrlich gesagt hatte der Hund eine erstaunliche Trefferquote.
Was mich aber am meisten beeindruckt, ist der Moment, in dem ältere Menschen das Smartphone endlich beherrschen.
Nicht vollständig.
Das gelingt niemandem.
Aber ausreichend.
Plötzlich wird fotografiert.
Man verschickt Urlaubsbilder.
Man findet den Weg nach Hause.
Man bezahlt an der Supermarktkasse.
Man spricht mit den Enkeln in Australien, als säßen sie im Wintergarten.
Und irgendwann sagt derselbe Mensch, der noch vor einem Jahr erklärte: “So etwas brauche ich nicht.”
“Ich weiß gar nicht, wie ich früher ohne das Ding ausgekommen bin.”
Genau dort liegt das Geheimnis.
Das Smartphone ist kein technisches Gerät.
Es ist ein widerspenstiger Mitbewohner.
An manchen Tagen hilft er einem beim Einkaufen, erinnert an Medikamente, zeigt den Busfahrplan und übersetzt die Speisekarte im Griechenlandurlaub.
An anderen Tagen behauptet er, das Passwort sei falsch, obwohl man es seit acht Jahren unverändert benutzt.
Man möchte ihn gelegentlich aus dem Fenster werfen.
Tut es aber nicht.
Denn spätestens zehn Minuten später müsste man ihn wieder aufheben.
Ich selbst bin inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass Smartphones den Menschen sorgfältiger beobachten als umgekehrt. Sie wissen, wo wir waren, wen wir kennen, wann wir schlafen und weshalb wir plötzlich um halb elf nachts nach “Warum piept mein Kühlschrank?” suchen.
Das wirkt zunächst bedenklich.
Andererseits hat sich bisher noch kein Smartphone über meine Vorliebe für Vanillepudding lustig gemacht.
Menschen schon.
Vielleicht ist die Beziehung zwischen Senioren und Smartphones deshalb gar keine Hassliebe.
Vielleicht ist sie eher eine Waffenruhe.
Eine etwas angespannte.
Mit gelegentlichen Updates.
In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke *
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität
Abteilung Rückenwindforschung
P.S. Während meiner Feldstudien in Südtirol konnte ich nachweisen, dass Smartphones deutlich zuverlässiger funktionieren, wenn man sie gelegentlich streng ansieht. Der Fachbegriff hierfür lautet optische Nachkalibrierung. Die Industrie verschweigt das bis heute.

