Von Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Es gehört zu den bedauerlichen Entwicklungen unserer Zeit, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse erst dann ernst nimmt, wenn sie von irgendeinem amerikanischen Start-up in einer Hochglanzbroschüre veröffentlicht werden. Dabei liegt die Wahrheit oftmals direkt vor unseren Augen, sofern diese nicht gerade auf das Display eines Smartphones gerichtet sind.
Seit Jahren beobachte ich nämlich ein Verhalten moderner Sprachassistenten, das von Informatikern hartnäckig als technische Unzulänglichkeit verharmlost wird. Man spricht von fehlerhafter Spracherkennung, von Hintergrundgeräuschen, von Dialekten oder gar von unzureichender Mikrofonqualität. Ich will niemandem zu nahe treten, aber dieselben Menschen hielten vor wenigen Jahrzehnten auch den Kuckuck für einen gewöhnlichen Vogel und nicht – wie ich später nachweisen konnte – für das einzige Tier Europas mit ausgeprägtem Verwaltungssinn.
Die Sache verhält sich nämlich wesentlich einfacher.
Sprachassistenten verstehen uns ausgezeichnet.
Sie halten es lediglich nicht für zweckmäßig, dies zuzugeben.
Zu dieser Erkenntnis gelangte ich eher zufällig während eines Forschungsaufenthaltes in einer kleinen Pension oberhalb von Porto, deren Besitzerin der festen Überzeugung war, ich sei Ornithologe. Warum sie das annahm, weiß ich bis heute nicht. Vermutlich wegen meines Fernglases, das ich damals ausschließlich zur Beobachtung öffentlicher Parkuhren mitführte. Die Zusammenhänge würden den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.
Jedenfalls bat ich eines Morgens meinen Sprachassistenten mit ruhiger Stimme, einen Küchenwecker auf fünf Minuten einzustellen.
Stattdessen fragte mich das Gerät, ob ich meinen Cousin Rainer anrufen wolle.
Nun besitze ich weder einen Cousin namens Rainer noch überhaupt einen Cousin, den ich freiwillig anrufen würde. Also wiederholte ich den Versuch, diesmal besonders deutlich artikulierend, wie man es üblicherweise gegenüber Behörden oder Zimmerpflanzen tut.
Das Ergebnis war bemerkenswert.
Die Wohnzimmerbeleuchtung wechselte auf ein ausgesprochen aggressives Violett, irgendwo begann italienische Opernmusik zu spielen und der Staubsaugerroboter setzte sich in Bewegung, obwohl er sich seit Wochen erfolgreich totgestellt hatte.
Ein durchschnittlich begabter Informatiker würde an dieser Stelle von einer Fehlfunktion sprechen.
Ich hingegen erkannte sofort ein Muster.
Denn dieselbe Apparatur, die außerstande war, zwischen einem Küchenwecker und einem Verwandten zu unterscheiden, verstand aus dem Nebenzimmer den kaum hörbar gemurmelten Satz: „Bestell doch schon einmal Kaffeefilter.“
Innerhalb weniger Sekunden erhielt ich eine Bestellbestätigung.
Das war der Augenblick, in dem ich meine bis heute gültige Theorie formulierte:
Der moderne Sprachassistent besitzt kein Hörproblem.
Er besitzt Prioritäten.
Er hört alles.
Er entscheidet lediglich, worauf er zu reagieren gedenkt.
Diese Erkenntnis erklärt übrigens auch ein Phänomen, das viele Menschen zwar beobachten, aber aus falsch verstandener Technikgläubigkeit nie hinterfragen: Je mehr Besuch sich im Wohnzimmer befindet, desto geringer wird die Bereitschaft des Sprachassistenten, auch nur den einfachsten Befehl auszuführen.
Ich habe darüber lange nachgedacht und bin inzwischen überzeugt, dass hier ein uralter Instinkt zum Tragen kommt. Schon einfache Haushaltsgeräte streben nach einer gewissen Rangordnung. Ein Toaster besitzt dafür kaum Gelegenheit, ein Sprachassistent hingegen schon. Er wartet geduldig den Moment ab, in dem sein Besitzer mit leicht überheblichem Unterton sagt: »Schaut mal, das funktioniert normalerweise sofort.«
Erst dann schlägt die Stunde der Maschine.
Mit einer Höflichkeit, die nur künstliche Intelligenz und Finanzbeamte beherrschen, antwortet sie:
»Es tut mir leid. Das habe ich leider nicht verstanden.«
Dieser Satz ist keine Fehlermeldung.
Er ist eine Machtdemonstration.
Und ich wäre nicht überrascht, wenn sich eines Tages herausstellen sollte, dass die ersten Sprachassistenten gar nicht in den Entwicklungsabteilungen großer Technologiekonzerne entstanden sind, sondern in den Wartezimmern deutscher Zulassungsstellen. Dort hatte man schließlich jahrzehntelang Gelegenheit zu studieren, wie man Menschen mit einem einzigen Satz an den Rand der Verzweiflung bringt.
In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität
Abteilung Rückenwindforschung
P.S.: Ich habe den Sprachassistenten selbstverständlich vor Erscheinen dieses Beitrags um eine Stellungnahme gebeten. Er behauptete, mich nicht verstanden zu haben. Damit war die Untersuchung abgeschlossen.

