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Warum heute jedes Gerät ein Benutzerkonto verlangt

Eine wissenschaftliche Betrachtung über das Ende der anonymen Technik

Es gibt Entwicklungen, die der Mensch zunächst für Fortschritt hält, bis er eines Morgens feststellt, dass sein Wasserkocher mehr über ihn weiß als sein Hausarzt.

Eine solche Entwicklung ist das Benutzerkonto.

Als ich jung war – was zugegebenermaßen schon deshalb länger her ist, weil die Zeit damals deutlich langsamer verging –, bestand die Inbetriebnahme eines Gerätes aus genau drei Schritten: Man kaufte es, steckte den Stecker ein und schaltete es an. Mehr wollte das Gerät gar nicht wissen. Es fragte nicht nach meiner E-Mail-Adresse, interessierte sich nicht für mein Geburtsdatum und verlangte schon gar keine Zustimmung zu Datenschutzbestimmungen, die länger waren als Goethes Gesamtwerk.

Das war eine angenehm zurückhaltende Form des Zusammenlebens.

Ich erinnere mich noch gut an einen Aufenthalt in der Nähe von Porto. Eigentlich wollte ich dort lediglich zwei Nächte verbringen, doch dann lernte ich einen portugiesischen Uhrmacher kennen, der behauptete, Zeit sei nichts anderes als schlecht sortierte Erinnerung. Wir verbrachten mehrere Abende damit, alte Radios zu reparieren und über die Frage zu diskutieren, weshalb Schweizer Kuckucksuhren niemals Möwen enthalten. Ich weiß bis heute nicht, wie wir auf dieses Thema kamen. Aber eines weiß ich noch sehr genau: Keines dieser Geräte verlangte zunächst die Einrichtung eines Kontos.

Sie funktionierten einfach.

Diese Eigenschaft ist in den vergangenen Jahren nahezu ausgestorben.

Neulich kaufte ich eine schlichte Schreibtischlampe. Keine Raumstation. Keine künstliche Intelligenz. Eine Lampe. Ich stellte sie auf den Schreibtisch, drückte auf den Einschalter – nichts geschah.

Stattdessen sollte ich zunächst eine App installieren.

Die App verlangte ein Benutzerkonto.

Das Benutzerkonto verlangte eine Bestätigungsmail.

Die Bestätigungsmail landete im Spam-Ordner.

Nachdem ich sie gefunden hatte, erhielt ich einen sechsstelligen Bestätigungscode, der exakt drei Minuten gültig war. Als ich ihn eingegeben hatte, teilte mir die App mit, dass inzwischen eine neuere Version verfügbar sei, die aus Sicherheitsgründen installiert werden müsse.

Erst danach durfte ich das Licht einschalten.

Ich möchte anmerken, dass Thomas Edison bei der Erfindung der Glühbirne auf diesen Zwischenschritt verzichtet hat.

Nun behaupten die Hersteller, all dies diene ausschließlich meinem Komfort. Das ist bemerkenswert, denn mein Komfort bestand früher darin, einen Schalter zu betätigen. Heute besteht er offenbar darin, zunächst fünf Passwörter zu vergessen.

Besonders misstrauisch werde ich bei Geräten, deren eigentliche Aufgabe keinerlei Bekanntschaft mit mir erfordert.

Meine Personenwaage möchte wissen, wer ich bin.

Mein Drucker möchte mich registrieren.

Mein Thermometer verlangt Zugriff auf meinen Standort.

Ich kenne Menschen, die seit zwanzig Jahren nebeneinander wohnen und sich trotzdem nur höflich grüßen. Mein Fieberthermometer dagegen möchte innerhalb von fünf Minuten mein vollständiges digitales Leben kennenlernen.

Das ist aufdringlich.

Vor einigen Monaten schenkte mir ein Bekannter einen Luftreiniger. Ein höflicher Mensch. Der Luftreiniger hingegen begrüßte mich mit den Worten: „Erstellen Sie jetzt Ihr persönliches Profil.“

Ich fragte mich, welches Verhältnis wir beide eigentlich führen sollten.

Wir kannten uns seit ungefähr dreißig Sekunden.

Früher war Technik ein Werkzeug.

Heute möchte sie eine Beziehung.

Ich habe über diese Entwicklung lange nachgedacht. Sehr lange sogar. Während einer Zugfahrt durch Norditalien, deren Dauer sich wegen einer Ziegenherde auf den Gleisen um fast vier Stunden verlängerte, gelangte ich schließlich zu einer Erkenntnis, die meines Wissens bisher weder in der Informatik noch in der Soziologie ausreichend gewürdigt wurde.

Man erzählt uns, Geräte verlangten Benutzerkonten, um Einstellungen zu speichern.

Das halte ich für eine ausgesprochen kindliche Erklärung.

In Wahrheit benötigen die Geräte unsere Konten, damit sie sich untereinander austauschen können.

Der Fernseher berichtet dem Kühlschrank, wie spät ich noch Filme schaue.

Der Kühlschrank erzählt der Waage, weshalb das so ist.

Die Waage informiert anschließend meine Smartwatch, dass wir beide dringend über Bewegung sprechen sollten.

Und die Smartwatch petzt schließlich alles an mein Smartphone, das mir am nächsten Morgen freundlich mitteilt, ich könne heute mit einem kleinen Spaziergang beginnen.

Das ist keine Technik mehr.

Das ist Nachbarschaft.

Deshalb richte ich inzwischen jedes Benutzerkonto gewissenhaft ein. Nicht weil ich glaube, dass die Geräte ohne meine Daten nicht funktionieren würden.

Sondern weil ich überzeugt bin, dass sie sonst hinter meinem Rücken über mich spekulieren.

Und ich möchte nicht, dass mein Toaster am Ende falsche Gerüchte verbreitet.

In diesem Sinne verbleibe ich Ihr
Prof. Dr. Heinz C. Schabulke
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie
Ehemaliger Managing Director senior-tours.de
Institut für angewandte Altersmobilität
Abteilung Rückenwindforschung

P.S.: Falls Ihr neuer Wasserkocher bei der Einrichtung fragt, ob Sie der Verbesserung des Nutzererlebnisses zustimmen, lehnen Sie höflich ab. Nach meinen Untersuchungen beginnt genau an dieser Stelle der Übergang vom Haushaltsgerät zum Mitbewohner.

Prof. Dr. Heinz C. Schabulke - Senioren und Technik
Emeritierter Spezialist für Geronto-Pedalogie. Forscht seit Jahrzehnten über das Älterwerden, Rückenwind und andere unterschätzte Wissenschaften. Seine Theorien sind umstritten. Seine Existenz auch.