Die aktuellen PHP-Sicherheitslücken werfen eine Frage auf, die über Computersicherheit hinausgeht: Welche Reserven braucht eine Gesellschaft, um auch unter gestörten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben?
Eine technische Abkürzung schafft es selten in die öffentliche Debatte. PHP ist eine solche Abkürzung. Die Programmiersprache arbeitet im Hintergrund vieler Internetangebote. Meist bemerken wir davon nichts. Wir besuchen eine Webseite, füllen ein Formular aus oder nutzen einen Dienst.
Jetzt machen zwei kritische Sicherheitslücken unter dem Namen „php2shell“ diesen unsichtbaren Unterbau sichtbar. Sie können Angreifern unter anderem ermöglichen, fremden Programmcode auf betroffenen Servern auszuführen oder Daten offenzulegen. Sicherheitsfachleute und Betreiber arbeiten an Schutzmaßnahmen und der Absicherung ihrer Systeme.
Daraus lässt sich zunächst eine vertraute Schlussfolgerung ziehen: Software muss gepflegt, Sicherheitslücken müssen geschlossen und Systeme professionell betrieben werden. Das ist richtig. Doch der Vorfall bietet Anlass, eine grundsätzlichere Frage zu stellen: Wie viel gemeinsame Abhängigkeit entsteht, wenn immer mehr Lebensbereiche auf denselben technischen Voraussetzungen beruhen?
Der naheliegende Ruf nach dem Analogen
Wenn digitale Dienste ausfallen, erscheint die Forderung nach analogen Alternativen unmittelbar einleuchtend. Ein Schalter statt eines Onlineportals. Ein Papierformular statt einer App. Bargeld statt einer ausschließlich elektronischen Zahlung.
Für diese Forderung gibt es gute Gründe. Menschen sollen grundlegende Angelegenheiten auch ohne eigenes Smartphone oder Onlinekonto erledigen können. Das betrifft Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.
Doch bei einem umfassenderen Ausfall zeigt sich die Grenze dieser Antwort. Ein Mitarbeiter am Schalter kann möglicherweise ebenso wenig ausrichten wie der Mensch vor dem heimischen Bildschirm, wenn beide auf dasselbe ausgefallene System angewiesen sind. Eine Telefonnummer hilft nur dann weiter, wenn am anderen Ende noch gearbeitet werden kann.
Der analoge Zugang ist deshalb noch keine Garantie dafür, dass die eigentliche Leistung verfügbar bleibt.
Das Bild der Monokultur
Ein Vergleich aus der Natur hilft, das Problem zu verstehen: die Monokultur. Für unsere Betrachtung ist daran vor allem ein Gedanke interessant. Viele ähnliche Einheiten können gegenüber derselben Störung gleichzeitig anfällig sein.
Eine vergleichbare Konstellation kann in der digitalen Welt entstehen. Unternehmen und Behörden wählen bewährte Programme, leistungsfähige Dienstleister und wirtschaftliche Betriebsmodelle. Jede einzelne Entscheidung kann gut begründet sein. Wenn sich diese Entscheidungen jedoch vielfach wiederholen, entstehen gemeinsame Abhängigkeiten.
Viele unterschiedliche Internetangebote bedeuten dann noch lange nicht viele voneinander unabhängige Systeme. Hinter ihrer sichtbaren Vielfalt können dieselben technischen Bausteine oder zentralen Dienstleister stehen.
Was für jede Organisation einzeln effizient ist, muss für die Gesellschaft insgesamt noch lange nicht ausreichend sein.
Dafür braucht es weder unfähige Fachleute noch verantwortungslose Betreiber. Die Schwäche kann gerade daraus entstehen, dass viele Beteiligte nach denselben vernünftigen Maßstäben handeln.
Der Vergleich hat allerdings Grenzen. Einheitliche Standards erleichtern Zusammenarbeit, Wartung und Fehlerbehebung. Eine unübersichtliche Vielfalt schlecht betreuter Einzellösungen wäre kein Fortschritt. Gesucht ist deshalb eine gezielte Unabhängigkeit dort, wo ein gemeinsamer Ausfall besonders schwere Folgen hätte.
Vertrauen beantwortet nicht jede Frage
Man kann der Leistungsfähigkeit von Fachleuten vertrauen und trotzdem fragen, was während einer Störung geschieht.
Auch eine kompetent bewältigte Störung braucht Zeit. In dieser Zeit müssen Menschen Informationen erhalten, Hilfe erreichen oder notwendige Angelegenheiten erledigen können. Je länger ein Ausfall dauert und je mehr Bereiche gleichzeitig betroffen sind, desto wichtiger werden Ersatzmöglichkeiten.
Denken wir an eine koordinierte regionale Störung: Mehrere gewohnte Wege stehen gleichzeitig nicht zur Verfügung. Eine zusätzliche App schafft dann keine Reserve, wenn sie dieselbe ausgefallene Verbindung benötigt. Auch ein zweiter Anbieter hilft nur begrenzt, wenn beide von derselben betroffenen Infrastruktur abhängen.
Entscheidend ist also, ob die Alternativen unter den jeweiligen Störungsbedingungen tatsächlich funktionieren.
Die Smartphone-Frage führt nicht weit genug
Sind Menschen ohne Smartphone in einer solchen Situation im Vorteil?
Vielleicht in einzelnen Dingen. Wer sich ohne Navigation orientiert, wichtige Angaben auf Papier besitzt und persönliche Kontakte vor Ort pflegt, hat bestimmte Handlungsmöglichkeiten erhalten.
Doch auch ein bewusst analog lebender Mensch ist auf die Organisation seiner Umgebung angewiesen. Er braucht Geschäfte, die Waren herausgeben können, erreichbare Hilfe und Einrichtungen, die wenigstens eingeschränkt weiterarbeiten.
Umgekehrt kann ein Smartphone bei teilweise funktionierenden Netzen oder mit bereits gespeicherten Informationen sehr nützlich sein.
Die persönliche Gerätewahl entscheidet deshalb nicht über die Widerstandsfähigkeit einer Gesellschaft. Diese entsteht wesentlich durch die Systeme und Verfahren, die wir gemeinsam vorhalten.
Der Wert einer selten genutzten Reserve
Hier beginnt die wirtschaftlich und politisch schwierige Frage. Reserven kosten Geld, obwohl sie im Alltag wenig genutzt werden. Ersatzverfahren müssen gepflegt, Beschäftigte geschult und Abläufe geübt werden.
Wer allein auf tägliche Auslastung und unmittelbare Kosten schaut, wird solche Reserven leicht für verzichtbar halten. Ihr Nutzen zeigt sich erst, wenn der gewöhnliche Betrieb versagt.
Zudem fallen Kosten und Nutzen nicht unbedingt an derselben Stelle an. Eine Einrichtung spart durch den Abbau eines Ersatzverfahrens. Die Folgen eines späteren Ausfalls tragen möglicherweise auch ihre Kunden, andere Einrichtungen und die Allgemeinheit.
Deshalb lässt sich die Entscheidung über notwendige Reserven nicht vollständig der Kostenrechnung einzelner Anbieter überlassen.
Reserve als Teil der grundlegenden Infrastruktur
Funktional betrachtet gehören die notwendigen Ersatzmöglichkeiten zur Absicherung unserer grundlegenden Infrastruktur. Ob sie rechtlich unter den Begriff „kritische Infrastruktur“ fallen, ist eine andere Frage.
Dabei geht es um mehr als zusätzliche Geräte. Zur Reserve gehören auch Wissen, erreichbare Menschen und klare Entscheidungsbefugnisse. Ein Papierverfahren hilft wenig, wenn niemand mehr weiß, wie es funktioniert. Eine örtliche Anlaufstelle bleibt wirkungslos, wenn dort im Ausnahmefall nichts entschieden werden darf.
Nicht jede Leistung muss jederzeit in vollem Umfang verfügbar bleiben. Für grundlegende Leistungen sollten wir aber festlegen, welcher eingeschränkte Betrieb erhalten werden muss und wie lange eine Unterbrechung hinnehmbar ist. Die dafür erforderlichen Kosten gehören zur verlässlichen Bereitstellung dieser Leistung.
Die PHP-Problematik ist kein Beweis dafür, dass Digitalisierung scheitert. Sie ist ein Anlass, unseren Maßstab für ihren Erfolg zu erweitern.
Eine leistungsfähige Gesellschaft muss nicht nur unter günstigen Bedingungen gut funktionieren. Sie muss sich auch unter gestörten Bedingungen wesentliche Handlungsmöglichkeiten erhalten.
Die Frage nach analogen Diensten bleibt dabei berechtigt. Sie ist jedoch Teil einer größeren Aufgabe: bewusst jene Vielfalt, Fähigkeiten und Reserven zu bewahren, die im normalen Alltag entbehrlich erscheinen – bis wir sie brauchen.
Ein persönlicher Standpunkt von Andreas Stiehl-Wolf
In der Reihe „Technik, Alltag und Gesellschaft“ schreibe ich über Entwicklungen, die unseren Alltag und unser Zusammenleben verändern. Die Beiträge geben meine persönliche Einschätzung wieder und laden zum Weiterdenken und zur Diskussion ein.